Der schwierigste Montag im Berufsleben
Im Mittelstand läuft es fast überall gleich: Wer fachlich überzeugt, wird befördert. Die beste Verkäuferin wird Vertriebsleiterin, der erfahrenste Techniker wird Teamleiter. Das ist naheliegend und oft richtig. Nur bereitet fachliche Stärke niemanden auf das vor, was am ersten Tag in der neuen Rolle passiert: Man führt plötzlich die Menschen, mit denen man gestern noch die Mittagspause verbracht hat.
Von einem Tag auf den anderen ändert sich alles, ohne dass sich äußerlich etwas ändert. Dieselben Kollegen, dasselbe Büro, dieselben Gespräche. Aber die Rolle ist eine andere. Und niemand hat einem gesagt, wie man damit umgeht. Genau hier scheitern viele neue Führungskräfte nicht an mangelnder Kompetenz, sondern an einem Übergang, auf den sie niemand vorbereitet hat.
Warum gerade dieser Wechsel so heikel ist
Der Rollenwechsel vom Kollegen zur Führungskraft ist schwerer als der Wechsel in eine Führungsrolle bei einem neuen Arbeitgeber. Bei einem Neustart ist die Rolle von Anfang an klar. Alle wissen: Das ist der Neue, das ist der Chef. Wer dagegen im eigenen Team aufsteigt, muss eine bestehende Beziehung umdeuten, und zwar auf beiden Seiten.
Für die neue Führungskraft heißt das: Sie muss Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen, Leistung einfordern und auch mal Kritik äußern, gegenüber Menschen, mit denen sie befreundet ist. Für das Team heißt es: Es muss jemanden als Vorgesetzten akzeptieren, der gestern noch gleichgestellt war. Beide Seiten tasten sich neu ab. Wird die oder der Neue jetzt abheben? Darf ich noch offen reden? Gelten alte Absprachen noch?
In Familienunternehmen und gewachsenen Mittelständlern verschärft sich das, weil die Beziehungen oft über viele Jahre gewachsen sind. Man kennt sich privat, war zusammen auf Betriebsfeiern, kennt die Familien. Das ist ein Schatz, aber es macht den Rollenwechsel emotional aufgeladener als in einem anonymen Konzern.
Die drei häufigsten Fehler
Der erste Fehler ist, so zu tun, als hätte sich nichts geändert. Aus Angst, die alten Beziehungen zu verlieren, bleibt die neue Führungskraft der Kumpel und vermeidet jede unbequeme Entscheidung. Das Ergebnis: Sie führt nicht, und das Team verliert die Orientierung.
Der zweite Fehler ist das Gegenteil. Aus Unsicherheit über die neue Autorität überkompensiert die neue Führungskraft, wird distanziert, betont die neue Position und wirkt plötzlich wie ausgewechselt. Das Team fühlt sich vor den Kopf gestoßen und zieht sich zurück.
Der dritte Fehler ist, alles auf einmal ändern zu wollen. Frisch in der Rolle und voller Tatendrang krempelt die neue Führungskraft in den ersten Wochen alles um und übergeht dabei das Wissen und die Erfahrung des Teams. Das erzeugt Widerstand, bevor überhaupt Vertrauen aufgebaut werden konnte.
Was den Übergang gelingen lässt
Der wichtigste Schritt ist, den Rollenwechsel offen anzusprechen, statt ihn auszusitzen. Ein ehrliches Gespräch mit dem Team, das benennt, was sich ändert und was nicht, nimmt viel von der Unsicherheit. Etwa: Ich bin jetzt in einer anderen Rolle, und das heißt, ich werde manche Entscheidungen treffen, die nicht allen passen. Aber ich möchte, dass wir weiter offen miteinander reden. Solche Klarheit entlastet beide Seiten.
Der zweite Punkt ist, authentisch zu bleiben, statt eine Führungsrolle zu spielen. Niemand muss sich verstellen, um zu führen. Die Menschen kennen die neue Führungskraft, und jeder Versuch, jemand anderes zu sein, wirkt aufgesetzt. Führung heißt nicht, eine andere Person zu werden, sondern in der bekannten Person neue Verantwortung zu übernehmen.
Der dritte Punkt ist, die ersten Entscheidungen bewusst zu treffen. Gerade die erste unbequeme Entscheidung ist ein Signal an das Team, ob die neue Führungskraft wirklich führt. Sie sollte fair sein, gut begründet und ruhig kommuniziert. Wer diese erste Bewährungsprobe besteht, gewinnt Respekt. Wer ihr ausweicht, verliert ihn.
Warum das kein Selbstlernthema ist
Viele Unternehmen überlassen neue Führungskräfte in dieser Phase sich selbst, nach dem Motto: Wird schon werden. Manche schaffen den Übergang intuitiv, viele nicht, und die Kosten des Scheiterns sind hoch. Eine überforderte neue Führungskraft verliert oft nicht nur an Wirksamkeit, sondern reißt gute Leute mit, die unter einer schlechten Führung das Unternehmen verlassen.
Deshalb lohnt es sich, neue Führungskräfte in dieser Phase gezielt zu begleiten, mit einem Training, das genau diese Situation vorbereitet, oder mit einem Coaching, das die konkreten ersten Wochen begleitet. Der Übergang vom Kollegen zur Führungskraft ist keine Frage von Talent. Er ist erlernbar, wenn man weiß, worauf es ankommt.
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